Springe direkt zu: Contentbereich, Hauptnavigation, Suche
Sie sind hier:

Landtag von Baden-Württemberg Drucksache 14 / 6439
14. Wahlperiode Eingang: 27.05.2010 13:38
der Abg. Brigitte Lösch u. a. GRÜNE
FM NS-Aufarbeitung und Dokumentation in Baden-Württemberg – Denk- und
StM Lernort im ehemaligen Hotel Silber
IM
Der Landtag wolle beschließen, die Landesregierung zu ersuchen zu berichten,
27.05.2010
Lösch, Sckerl, Walter, Rastätter, Lehmann GRÜNE
Begründung:
Während des Nationalsozialismus wurde Menschen staatlicherseits das Lebensrecht abgesprochen – sei es wegen ihrer politischen oder religiösen Anschauungen, ihrer Abstammung, Herkunft, Behinderung, psychischen Erkrankung oder wegen ihrer sexuellen Orientierung. Tausende wurden eingekerkert, gefoltert oder gar umgebracht. Das "Hotel Silber" – die ehemalige Gestapozentrale am Karlsplatz in Stuttgart – war einer der am meisten gefürchteten Folterorte in der Region und gilt noch immer als Inbegriff des NS-Terrors in Württemberg, von dem aus für viele politische Regimegegner und der NS-Ideologie missliebigen Personenkreise, wie z. B. auch den Homosexuellen, der Weg in die Zuchthäuser, Konzentrationslager und in den Tod begann. Von hier aus wurde die Deportation württembergischer Juden organisiert. Es ist bekannt, dass das "Hotel Silber" der Beginn des Leidensweges für Eugen Bolz, Kurt Schumacher, Lina Haag, Willi Bleichert, Lilo Hermann und vieler anderen war. Aber nach wie vor ist das Schicksal vieler Menschen aus den verschiedensten Opfergruppen bis heute nicht erforscht und aufgearbeitet. Die Fragen, ob und in wie weit Regierung, Polizei und Justiz der Länder Baden und Württemberg in die Machenschaften des NS-Regimes verstrickt waren, sind zum Teil bis heute noch nicht beantwortet. In der Diskussion um die landesweite zentrale Bedeutung des ehemaligen Gestapogebäudes in der Dorotheenstraße wird von Seiten des Finanzministeriums argumentiert, dass die Erinnerungskultur in Baden-Württemberg dezentral organisiert sei und aus diesen Gründen ein landesweit zentraler Gedenkort abgelehnt werde. Die Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen in Baden-Württemberg leisten hervorragende Arbeit. Landesweit zentral organisierte Gedenkstätten stehen nicht im Widerspruch zu dieser Arbeit sondern ergänzen diese auf wichtige Weise, wie beispielsweise das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg, das Museum für die Geschichte von Christen und Juden und das Dokumentationszentrum von Sinti und Roma in Heidelberg. Wir halten die ehemalige Gestapozentrale ebenfalls für einen landesweit zentralen Gedenk- und Lernort, insbesondere weil damit eine systematische Aufarbeitung und dauerhaften Darstellung des NS-Unrechts an homosexuellen Menschen eingerichtet werden kann. 65 Jahre nach Kriegsende ist es höchste Zeit eine Gedenkstätte für alle Opfergruppen und Widerstandskämpfer zu schaffen. Der geeignete Ort hierfür stellt die ehemalige Gestapozentrale in der Dorotheenstraße 10 dar.
Nachdem die Gesamtkonzeption des Projekts gemeinschaftlich von Land und der Firma Breuninger getragen wird, erwarten wir auch, dass sich das Land aktiv in die Konzeption und Ausgestaltung des Denk- und Lernortes Hotel Silber einbringt und auch bei der von der Stadt Stuttgart am 17. Juli organisierten Anhörung einen aktiven Part einnimmt.
In der Stellungnahme zu dem Antrag Drs. 14/6082 führt die Landesregierung aus, dass sie die Einrichtung eines Gedenkortes am Standort des ehemaligen Hotels Silber für angemessen und ausreichend hält. Ein Gedenkort muss jedoch auch ein Ort des Erinnerns, der Besinnung, der Information, der Forschung und Dokumentation sein – dazu reicht eine Fläche von 50 – 100 qm keinesfalls aus. Aus dem jüngst erschienen Buch "Stuttgarts NS-Täter" geht hervor, dass es auch in der Forschungslandschaft noch viele weiße Flecken gibt, insbesondere was die Herrschaftsausübung staatlicher Stellen während der NS-Zeit in Baden und Württemberg gibt.