

Ab Herbst 2009 soll der Orientierungsplan für Bildung und Erziehung für alle Kindertageseinrichtungen in Baden-Württemberg eingeführt. werden. Brigitte Lösch begrüßt aus diesem Grund am 2. Oktober fast 200 TeilnehmerInnen im vollbesetzten Plenarsaal zur öffentlichen Anhörung der Fraktion der Grünen im Landtag.

Brigitte Lösch begrüßte die 200 TeilnehmerInnen
Wie die Umsetzung gelingen kann und was qualitativ zu berücksichtigen ist, darüber referierten Professor Ludwig Liegle vom Institut für Erziehungswissenschaften aus Tübingen und Norbert Hocke von der GEW Frankfurt. Im Anschluß diskutierten Christiane Dürr vom Gemeindetag, Rudolf Vogt vom KVJS, Peer Giemsch vom Landeselternrat, Petra Fritsch und Christel Ulmer vom Kita-Bündnis gemeinsam mit den Referenten unter der Moderation von Brigitte Lösch über die Ergebnisse der Impulsvorträge. Auch viele Besucher und Besucherinnen meldeten sich zu Wort und unterstützten die engagierte Diskussion mit fachlichen Beiträgen.

Ludwig Liegle und Norbert Hocke diskutieren
Ein gemeinsamer Tenor war zu hören: unter den bestehenden Rahmenbedingungen können die Anforderungen kaum geleistet werden. Schon jetzt stoßen die Kindertageseinrichtungen unter den aktuellen Rahmenbedingungen an ihre Grenzen. Unter Rahmenbedingungen ist vor allem die Fachkraft-Kind-Relation, die Vorbereitungs- und Reflektionszeit und die Möglichkeiten der Fort- und Weiterbildung zu verstehen. Professor Liegle spannt den Begriff von förderlichen Rahmenbedingungen noch weiter: gute Rahmenbedingungen beinhalten auch eine gute Erziehungspartnerschaft zwischen Kindertageseinrichtung und Familie. Familie ist für Kinder um ein Mehrfaches einflussreicher als die Kindertageseinrichtung – und das gilt für alle Kindertageseinrichtungen unabhängig von ihrer Qualität. Rahmenbedingungen – das beinhaltet nach Prof. Liegle noch einen weiteren, über die Familien hinausgehenden Kontext -,das beinhaltet, dass die Kindertageseinrichtung eine im Gemeinwesen vernetzte Einrichtung sein soll (Gesundheitsförderung, Frühförderung, Erziehungsberatungsstellen, Jugendamt, usw). Und auch dazu benötigen die Fachkräfte zeitliche Ressourcen.
Nobert Hocke argumentiert in seinem Beitrag mit nationalen und internationalen Studien (Resümee Petra Strehmel 2008), die die Bedeutung der Strukturqualität für die Qualität der Bildungsprozesse und Bildungsergebnisse im Elementarbereich hervorheben: "Je kleiner die Gruppen, je günstiger der Fachkraft-Kind-Schlüssel, je höher das Ausbildungsniveau der pädagogischen Fachkräfte und je mehr Zeit die pädagogischen Fachkräfte zur Vorbereitung der Angebote haben, desto höher ist die Qualität der pädagogischen Prozesse und desto positiver sind die Entwicklungsergebnisse."

Der Städte- und Gemeindetag hat genau zu dem Zeitpunkt der Anhörung die flächendeckende Umsetzung des Orientierungsplanes in Frage gestellt.- ohne eine Unterstützung der Landesregierung ist dies nicht zu meistern. Es ist dringend notwendig eine gesetzliche Grundlage für die Implementierung des Orientierungsplanes zu schaffen, dann ist das Land über das Konnexitätsprinzip gefordert. Die Betriebskostenzuschüsse sind seit 2002 gedeckelt und eine dynamische Weiterentwicklung dieser Beiträge ist dringend erforderlich.
Das Kita-Bündnis stellt in der Diskussion einen Stufenplan vor, der einen moderaten Anstieg der Rahmenbedingungen vorsieht. Die Bemühungen diese Vorschläge mit der Landesregierung und den zuständigen Ministerien zu diskutieren, blieben bisher erfolglos. Der Landeselterrat unterstützt die Forderungen nach besseren Rahmenbedingungen und fordert die zuständigen Ministerien dazu auf bald zu handeln. Herr Vogt vom KVJS gab noch mal einen kurzen Abriss über die Aussetzung der Förderrichtlinien der Kindertagseinrichtungen und die Entwicklung der Mindesstandards.
Ein weiterer Schwerpunkt der Veranstaltung war, dass es eine Tendenz gibt, die Umsetzung des Orientierungsplanes als alleinige Vorbereitung für die Schule zu verstehen. Alle Teilnehmerinnen setzen sich dafür ein, die Perspektive des Kindes zu berücksichtigen, das seinen eigenen Interessen folgt, die Welt und sich selbst versteht und dadurch seine Persönlichkeit entfalten kann. Dafür müssen auch politische Grundsteine gelegt werden, um diese Umsetzung in Kindertageseinrichtungen gewährleisten zu können.
Nach Prof. Liegle kann man im Moment den Eindruck gewinnen, die Politik hat ein Interesse die Kindertageseinrichtung als "Elementarbereich" des Bildungssystems auszugestalten. Der Ruf nach Kooperation, Verbindung oder gar Verzahnung, nach Kontinuität und Anschlussfähigkeit klingt so, als sei ein neuer Bildungsbereich im Entstehen, der Grundschule und Kindertageseinrichtung umfasst (Orientierungsplan, Bildungshaus 3-10, Projekt Schulreifes Kind). Allerdings stützt sich dieser Aufbruch in eine neue Bildungslandschaft nach Prof. Liegle ganz auf pädagogische Maßnahmen – er bricht dort ab, wo politische Maßnahmen notwendig wären, Maßnahmen zu einer maßgeblichen Verbesserung der Rahmenbedingungen. Kindertageseinrichtungen bleiben Teil des Kinder- und Jugendhilfesystems, nicht des Bildungssystems.
Auch inhaltliche Punkte sprechen dagegen: solange sich das Schulsystem sich nicht verändert, ist eine enge Kooperation mit der Grundschule sehr schwierig. Die Kindertageseinrichtungen müssen sich nach wie vor sehr nach den Bedingungen der Grundschulen ausrichten. Der Übergang Kindertageseinrichtung und Grundschule ist nach Prof. Liegle deshalb so bedeutsam, da in dieser Zeit noch alle Kinder zusammen sind. Danach wird sowieso aussortiert. Die Kindertageseinrichtung darf nicht als reiner "Zulieferbetrieb" von Grundschulen gesehen werden. Elementarpädagogik muss ihren eigenen Platz bekommen, mit ihren individuellen Methoden und Herangehensweisen.

Als kulturelle und inhaltlich sehr passende Ergänzung gab es im Anschluss die Möglichkeit den Dokumentarfilm "Lisette und Ihre Kinder" von Siegrid Klausmann-Sittler anzuschauen. Dieser Film dokumentiert auf professionelle und liebevolle Weise, welchen Platz Elementarpädagogik einnehmen sollte und wie wichtig diese für die weitere Entwicklung der Kinder ist. Sigrid Klausmann-Sittler und Lisette standen nach dem Film noch für Fragen zur Verfügung und Brigitte Lösch verabschiedete nach sehr bewegten Rückmeldungen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen in einen späten Freitagabend.