

Der Plenarsaal des Landtags voll besetzt in Frauenhand! Keine ferne Zukunftsvision, sondern Realität 2009.
130 Frauen waren unserer Einladung zum internationalen Frauentag 2009 gefolgt, haben sich die neusten Forschungsergebnisse der "Brigitte-Studie" über die gesellschaftspolitischen, beruflichen und familiären Wünsche junger Frauen – und auch junger Männer!- vorstellen lassen und Schritte debattiert, mit denen die noch immer große Kluft zwischen gesetzlich verbriefter Chancengleichheit von Frau und Mann und bestehenden Defiziten in der Geschlechtergerechtigkeit hierzulande überwunden werden kann.
Doris Hess, Mitverfasserin der Brigitte-Studie "Frauen auf dem Sprung" , zappte mit den anwesenden Frauen durch die seit den Anfängen der Frauenbewegung nur wenig geänderten Themen der Frauenpolitik:
- Wenig Führungsfrauen trotz Bildungsexpansion von Frauen,
- stark segmentierter Arbeitsmarkt für Frauen in überwiegend fünf vergleichsweise schlecht entlohnten Berufen,
- Kinderwunsch und Karrierewunsch – kein Widerspruch,
- 90 % der jungen Frauen wünschen sich eine eigenständige Existenzsicherung…..
" Wir müssen das Rollenverständnis von Frauen und Männern aufbrechen.
Befragt nach den gesellschaftlich wichtigen Wunsch-Akteuren der Zukunft entscheiden sich Männer und Frauen zu jeweils fast 50 % für "die Mütter" und "die Väter". Wenn es zum Schwur kommt, geben beide Gruppen "die Karrierefrauen" und "Karrieremänner" an. Der demographische Wandel lässt sich mit Karriere wohl kaum gestalten.

von links: Doris Hess (s.o.), Barbara Streidl, Mitautorin "Wir Alphamädchen", Brigitte Lösch, MdL, Sabine Schlager, GAR – Moderatorin...
...
...Ingrid Krumm, Gleichstellungsbeauftragte Ostalbkreis, Leni Breymaier, ver.di BW.
Auf dem Podium diskutierten sechs sehr verschiedene ältere und jüngere, vorgestrige und morgige Feministinnen mit dem Talent, "charmant zu nerven" und die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen langsam, aber eben doch geschlechtergerecht zu verändern.
Moderatorin Sabine Schlager kennt sich bestens aus im Thema und nagelt die Podiumsteilnehmerinnen fest: Welche Hindernisse der Chancengleichheit bestehen auch heute noch? Wie können sie abgeräumt werden? Und wo ist der Feminismus heute? "Is' er weg? Wo is' er hin? Und wer sind die Akteurinnen, wenn es ihn doch noch oder wieder gibt?
Leni Breymaier will eine geschlechtergerechte Verteilung der Arbeit zwischen Mann und Frau (je 30 Stunden pro Woche) und eine bessere Bewertung der überwiegend von Frauen ausgeübten Sozialberufe: " 8 kg Stahl herum zu schleppen wird auch heute noch besser gezahlt als 8 kg zappelndes Kind – Ein Unding!". Die Frauenquote bei ver.di , anteilig an der Mitgliederzahl von nahezu 50 Prozent, ist wie die bei den Grünen der Schlüssel zum Durchbruch durch die gläserne Decke. "Männer wollen die Macht nicht freiwillig teilen!" Applaus!
Ingrid Krumm: "Wenn Chancengleichheit sich im gleichen Tempo weiterentwickelt wie bisher, werden wir sie in 480 Jahren erreichen! Angesichts der vielen emanzipierten jungen Frauen, die ein neues Rollenverständnis haben, stehen die Chancen gut." Bestehende Frauennetzwerke, hauptamtliche Chancengleichheitsbeauftragte und Mentoring-Programme schaffen Angebote und einen Rahmen, in dem Frauen aller gesellschaftlichen Schichten sich einbringen und stärken können.

"Es gibt keinen neuen Feminismus, sondern neue Frauen und neue Fragen an unsere Gesellschaft. Die Frauenbewegung hat schon viel erreicht. Aber es ist noch ein weiter Weg bis zur Gleichstellung, solange Frauen, die ihre Kleinkinder nicht selbst zu Hause betreuen, nach wie vor als Rabenmütter gelten und solange Frauen in den Aufsichtsräten der Unternehmen hierzulande die absolute Ausnahme sind. Das Instrument für konsequente Behebung dieser Missstände ist eine Änderung der Rollenbilder in den Köpfen sowie die Quotierung in den Aufsichträten, den Gremien und den Parlamenten."

Auch die Alphamädchen-Autorin kann keinen neuen Feminismus ausmachen, den die mediale Debatte u.a. um ihr Buch herbeigeschrieben hat. "Der neue Feminismus ist der alte, nämlich das Finden der Freiheit des persönlichen Begehrens. Wir müssen uns klar werden, was wir als Frauen wollen! Gesetze wir das Antidiskriminierungsgesetz oder die Abschaffung des Ehegattensplitting sind dabei nur kleine Bausteine.
Wir brauchen ein gesellschaftliches Umdenken und die immer neue Vergewisserung, dass der Feminismus global ist und in Zeiten des Internets neue und schnelle Formen des Austauschs möglich sind."
" Frauen wollen Verantwortung übernehmen in der Gesellschaft, in der Arbeitswelt und in der Familie. Sie wollen aber nicht die Männer von heute sein. Sie wollen keinen 14-Stundenjob in einer Führungsposition, sondern eine andere Arbeitswelt. Karriere ist auch in Teilzeit möglich."
Viel Zuspruch, viel Einigkeit und ein bisschen differenzierenden Dissens zur Quote – die anwesenden Frauen konstatierten am Ende, dass junge Frauen heute selbstbewusst und emanzipiert sind, obwohl die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen noch immer dazu führen, dass sie spätestens mit Geburt des ersten Kindes in den allermeisten Fällen bezüglich ihrer professionellen Entwicklung auf der Strecke bleiben.
Eine grundlegende Änderung der Kultur und des Führungsstils in Unternehmen, begleitet durch eine qualitativ hochwertige Kinderbetreuung und Arbeitsteilung in der Familie sind die notwendigen Stellschrauben, an denen Frauen noch viel mehr als heute in Zukunft mit anziehe müssen – und das geht nur, wenn sie sich einmischen, mitmischen, mit machen!