
NR. 242/2010
Datum: 3. September 2010

"Gegen Ende wird Frankenberg nostalgisch", kommentiert Theresia Bauer, hochschulpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, das Werben des baden-württembergischen Wissenschaftsministers in der Kultusministerkonferenz, den alten Diplom-Grad für Ingenieure wieder einzuführen. Angetreten als hochschulpolitischer Reformer bei der Umsetzung der Bologna-Reform hatte er dafür gesorgt, dass im Land die neuen gestuften Studienabschlüsse Bachelor und Master die alten Abschlüsse Magister und Diplom ausnahmslos ersetzen. Jetzt rudert er zurück und schwärmt gemeinsam mit Bundesforschungsministerin Schavan und der SPD im Lande von den guten alten Zeiten, als es den "Dipl.-Ing." als weltweit anerkannte Marke noch gegeben habe.
Damit beuge er sich dem hartnäckigen Druck insbesondere der neun größten technischen Universitäten ("TU9"), zu denen auch das KIT und die Universität Stuttgart gehören. Diese wollen für die Universitäten durchsetzen, mit ihren Master-Abschlüssen in ingenieurwissenschaftlichen Fächern gleichzeitig den "Dipl.-Ing" verleihen zu dürfen.
Schon heute ist es möglich, auf der Bachelor-Urkunde neben dem Titel "Bachelor of engineer" oder "Bachelor of science" die Berufsbezeichnung "Ingenieur / Ingenieurin" auszuweisen. Das reicht den TU9 Universitäten aber nicht. Sie wollen, dass der Master-Abschluss nach einem fünfjährigen Studium quasi übersetzt wird mit dem "Diplom-Ingenieur". Damit nehmen sie in Kauf, dass der entsprechende Bachelor-Abschluss de facto zum Vor-Diplom entwertet würde. Wozu dies für die Absolventen gut sein soll, erschließt sich nicht, so Bauer. Denn es gibt von Seiten der Wirtschaft bislang keinerlei Anzeichen, dass Bachelor und Master-Absolventen aus den Ingenieurwissenschaften auf weniger Akzeptanz am Arbeitsmarkt stießen oder mit Einkommenseinbußen zu rechnen hätten.
Die SPD im Lande applaudiert dem Wissenschaftsminister bei seiner Rolle rückwärts. Sie zeigt sich begeistert über "Die erfreuliche Wiederbelebung des Diplom-Abschlusses durch diejenigen, die ihn in der Bologna-Reform abgeschafft haben" (DS 14/6597) und fordert eine Änderung des Landeshochschulgesetzes, mit der "abhängig von der Entscheidung der verleihenden Hochschule die Beibehaltung des Diplom-Abschlusses durch eine Gleichsetzung mit dem Master-Abschluss" gesetzlich verankert werden soll. Die SPD–Landtagsfraktion hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie die Aufgabe des deutschen Diplom-Studiengangs als schwerwiegenden Fehler ansehen. Der von der SPD geforderte Ausstieg aus dem zwei-Zyklen Studienmodell der Bologna-Reform ist von daher in seiner Vergangenheitsfixierung zumindest konsequent.
"Es bleibt das Geheimnis von Wissenschaftsminister Frankenberg, wie er es mit seinem Vorstoß schaffen will, den 'Dipl. Ing.' wieder zu beleben, ohne die Abschlussgrade Bachelor und Master zu schwächen", rätselt Theresia Bauer. "Wer das zulässt, macht diesen Weg auch für andere Studiengänge frei. Welchen Grund sollte es dann noch geben, diese Möglichkeit den Naturwissenschaften oder auch allen anderen Studiengängen zu verwehren?" Deshalb müsse man sich nicht wundern, dass die TU9-Universitäten genau in diese Richtung denken. Sie fordern, dass die Rückkehr zum Diplom auch in anderen Fächern geprüft wird. Der erste, der in Sachen "Diplom" die Rolle rückwärts gemacht hat, ist der FDP-Wissenschaftsminister aus Bayern. Er hat der TU München das Recht eingeräumt, für ihre Master Absolventen das Diplom in den Zeugnissen zusätzlich auszuweisen.
Die Grünen im Landtag fordern Wissenschaftsminister Frankenberg auf, sich im Land und in der KMK klar gegen eine Wiedereinführung des Diploms auszusprechen, damit Studierende aus Bachelor und Master-Studiengängen nicht weiter verunsichert werden. "Der Einsatz des Wissenschaftsministers ist gefragt bei der inhaltlichen Reform und der Verbesserung der Bachelor-Studienpläne. Insbesondere die hohen Abbrecherquoten, die mangelhafte Studierbarkeit und der zu geringe Frauenanteil in den ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen müssten Frankenberg auf den Plan rufen", fordert Theresia Bauer, die Fraktionsvize der Grünen im Landtag. "Mehr Praxisnähe im Studium und das Senken der Durchfallerquoten bei den Prüfungen in den ersten drei Semestern sind nötig, um die Attraktivität des Ingenieurstudiums zu verbessern und dem drohenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken, anstatt durch Recycling alter Etiketten die Uhr wieder zurückzudrehen."
In diesem Sinne wird die Grüne Landtagsfraktion im Wissenschaftsausschuss einen Änderungsantrag zum SPD-Antrag DS 14/6597 vorlegen.