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I. Die verpasste Chance – die Bildungspolitik ist noch nicht in der Einwanderungsgesellschaft Baden-Württembergs angekommen
Vor wenigen Wochen hat die Landesregierung eine groß angelegte Bildungsoffensive angekündigt. Das Thema Förderung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund kommt dabei überhaupt nicht vor. Nach wie vor übersieht Ministerpräsident Oettinger eine der größten Herausforderungen des baden-württembergischen Bildungssystems: Die eklatante Benachteiligung von Migrantenkindern zu überwinden und ihnen gerechte Bildungschancen zu eröffnen.
Dabei hat es in den letzten Jahren nicht an massiver Kritik an der strukturellen Benachteiligung von zugewanderten Kindern gefehlt, wie in den PISA-Studien seit 2001, sowie dem jährlichen Bildungsmonitoring der Stiftung Neue Soziale Marktwirtschaft. Obwohl Baden-Württemberg im neuen Bildungsmonitoring mit Platz zwei einen beachtlichen Spitzenplatz im bundesweiten Ranking erreicht, stellt die Studie fest: "Das Handlungsfeld Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund oder aus einkommensschwachen Familien ist der Schwachpunkt Baden-Württembergs." In der Kategorie Integration landet Baden-Württemberg auf dem letzten Platz.
Dass die Landesregierung die Benachteiligung von Mirgrantenkindern bis heute hartnäckig ignoriert, bzw. versucht, durch das Werfen von Nebelkerzen zu verschleiern, ist ein Skandal. Damit wird nicht nur das in unserer Demokratie elementare Gebot der Chancengerechtigkeit im Bildungswesen mit Füßen getreten, sondern auch in wirtschaftspolitischer Hinsicht die Zukunftsfähigkeit unseres Bundeslandes leichtfertig aufs Spiel gesetzt.
Baden-Württemberg hat den höchsten Migrationsanteil aller Bundesländer
Anhand der aktuellen Ergebnisse des Mikrozensus 2006 verfügt Baden-Württemberg unter den Flächenländern mit 25% über den höchsten Bevölkerungsanteil an Menschen mit Migrationshintergrund. Bei der Gruppe der Jugendlichen bis zu 18 Jahren verfügt sogar jeder Dritte über einen Migrationshintergrund. Zu beachten ist hierbei, dass die Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund doppelt so groß ist wie die der Ausländer (Quelle: Statistisches Landesamt, 7/2008).
Die 2. und 3. MigrantInnengeneration – Verschwendete Talente durch Nichtstun der Politik!
Bildung und Arbeitsmarktbeteiligung sind die wesentlichen Faktoren für die Lebenssituation und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen. Ernüchternd muss hier festgestellt werden, dass junge MigrantInnen in Baden-Württemberg trotz langer Aufenthaltsdauer bzw. Geburt hier im Durchschnitt immer noch ein geringeres Niveau im Vergleich zu ihren deutschen Altersgenossen bei den formalen allgemeinen Schulabschlüssen sowie bei der beruflichen Bildung haben. Laut Ergebnissen des Mikrozensus 2006 haben z.B. bei den jungen 25- bis unter 35-jährigen Migranten 34% keinen beruflichen Ausbildungsabschluss. Die Vergleichzahl bei der entsprechenden Altersgruppe ohne Migrationshintergrund liegt bei 8%. (Quelle: Statistisches Landesamt, 7/2008).
Wir brauchen aufgrund des strukturellen Wirtschaftswandels mehr Studierende und hervorragend ausgebildete Fachkräfte. Baden-Württemberg kann es sicht nicht leisten, auf die Begabungs- und Leistungspotenziale von jungen Migranten zu verzichten, wenn es seinen hohen Wirtschafts- und Lebensstandard und die geringe Arbeitslosenquote auch künftig erhalten will.
Kein Leitbild für die Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund
Die Landesregierung verfügt nicht über ein Leitbild zur Förderung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund. So wird in der Antwort der Landesregierung auf unserer Großen Anfrage davon ausgegangen, dass die Förderkonzepte in Sonder- und Hauptschule auch für ausländische Kinder geeignet sind, sie sind jedoch nicht spezifisch auf die Förderbedürfnisse von Migrantenschülern konzipiert und lösen daher nicht die Probleme der Benachteiligung aufgrund des Migrationshintergrunds. So gibt es u. a. keine speziellen Lehrkräfte mit einer qualifizierten Ausbildung von Deutsch als Zweitsprache. Die Auswertung der Übertrittszahlen in der Großen Anfrage ergibt, dass die Schülerinnen und Schüler faktisch nach ihrer sozialen und ethnischen Herkunft auf die Schularten verteilt werden.
Die gebetsmühlenhaft von der Kultusminister Rau wiederholte Behauptung, das Schulsystem sei begabungsgerecht, ist somit nachweislich falsch. Es existiert auch kein Auftrag, "begabte Migranten" gezielt zu fördern. Bezeichnend ist dabei, dass das Gymnasium keinen Auftrag zur Integration von Migranten hat.
Lehrerinnen und Lehrer mit Migrationshintergrund – Fehlanzeige!
Im Gegensatz zu anderen Einwanderungsländern wie Kanada oder England ist der Anteil der ausländischen Lehrkräfte an den Schulen in Baden-Württemberg fast unter der Nachweisgrenze. Er beträgt 0,37 % an Grund- und Hauptschulen, 0.36 % an Realschulen, 0,72 % an Gymnasien, 0,32 % an Sonderschulen und 0,63 % an Beruflichen Schulen. Unter den Lehramtsstudierenden sind 3,5 % ausländische Studierende. Diese geringe Quote ist ein Armutszeugnis für ein Land, in dem ein Drittel der Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund hat. Damit fehlen an den Schulen wichtige Vorbilder für Schülerinnen und Schüler, die zeigen, dass Schul- und Studienerfolg für Migranten möglich sind und sich Anstrengung lohnt. Sie fehlen aber auch als wichtige Ansprechpartner für die Schülerinnen und Schüler bei Problemen, die sich aus dem Leben in zwei Kulturen und der Zweisprachigkeit ergeben. Zur Bildungsbenachteiligung von Migranten gehört deshalb auch, dass es in Baden-Württemberg bislang noch kein Programm zur systematischen Gewinnung von jungen Migranten für den Lehrerberuf gegeben hat.
Weniger Lehrerstellen für die Förderung von ausländischen Schülerinnen und Schülern
Die Ressourcen zur Förderung von "ausgesiedelten und ausländischen Schülerinnen und Schülern" sind in den letzten fünf Jahren erheblich reduziert worden. Standen 2003/04 noch 655,3 Lehrerdeputate zur Verfügung, so waren es 2007/08 nur noch 470,4 Deputate. Begründet wird dieser massive Abbau mit der geringeren Zuwanderung, sowie der Maßnahmen im vorschulischen Bereich zur Verbesserung der Sprachkenntnisse von Schulanfängern. Die Streichung dieser Stellen ist aber in keiner Weise zu rechtfertigen. Nach wie vor besteht ein gewaltiger Sprachförderbedarf bei einem erheblichen Anteil der Schulanfänger mit Migrationshintergrund.
Datenlage bei der Auswertung der Antworten der Großen Anfrage
Gegenwärtig wird der Migrationshintergrund von Schülerinnen und Schülern in Baden-Württemberg noch nicht statistisch erhoben. In der Schulstatistik werden nur die Merkmale "Staatsangehörigkeit" und "Aussiedler" erfasst. Nicht zuletzt aufgrund des neuen Staatsbürgerrechts ist diese Datenlage ungenügend und gibt nicht die Realität der Einwanderungsgesellschaft wieder. Für die Schulen gilt vielmehr: Je jünger die Schülerinnen und Schüler umso mehr sinkt die Ausländerquote. Aber die Quote derer mit Migrationshintergrund steigt und ist zwei- bzw. dreifach so hoch wie die Ausländerquote. Die in der großen Anfrage aufgezeigten Sachverhalte für "Ausländische Schülerinnen und Schüler" treffen daher weitgehend für "Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund" zu.
II. Fünf Beispiele der Bildungsbenachteiligung von "ausländischen Schülerinnen und Schülern" in Baden-Württemberg
1. Kinder mit Migrationshintergrund sind in den Grundschulförderklassen überrepräsentiert
2006/07 betrug in den Grundsschulförderklassen der Anteil der Kinder mit nicht-deutscher Staatsangehörigkeit 24,8 %. Es muss davon ausgegangen werden, dass rund 60 % der Kinder in den Grundschulförderklassen einen Migrationshintergrund haben. Diese Kinder machen bereits vor der Einschulung die Erfahrung, dass sie in eine "Sonderklasse" separiert werden. Die hohe Quote ist ein Beleg dafür, dass die bisherige vorschulische Förderung noch nicht gewährleistet, dass die Migrantenkinder den gleichen Entwicklungs- und Lernstand haben, wie die deutschen Kinder.
2. Migrationshintergrund als "Lernbehinderung"
Ausländische Schülerinnen und Schüler sind an den Sonderschulen sehr stark überrepräsentiert. 4,2 % der Schülerinnen und Schüler insgesamt und 3,7 % der deutschen (ohne Aussiedler) werden an Sonderschulen unterrichtet, von den ausländischen Schülerinnen und Schülern sind es aber 8,1 %. Auffällig ist dabei die Verteilung nach Nationalitäten: 10,2 % der italienischen, 13,5 % der serbisch-montenegrischen und 7,5 % der türkischen Kinder besuchen eine Sonderschule. Etwas geringer, aber immer noch über der Quote der deutschen Kinder, ist die Quote der griechischen Schülerinnen und Schüler mit 5,6 % und der kroatischen mit 5,7 %. Da es sich vorwiegend um den Besuch der "Förderschule für Lernbehinderte" handelt, kann festgestellt werden: ausländische Herkunft wird als ´Lernbehinderung´ gewertet. Bezeichnend ist, dass sich in den letzten 10 Jahren nichts verändert hat.
3. Hauptschule als Schule für Migranten
Nach der Grundschule werden die Schülerinnen und Schüler entsprechend ihrer sozialen und ethnischen Herkunft in die weiterführenden Schulen sortiert. 55 % der ausländischen Kinder und 22,3 % der deutschen wechseln auf die Hauptschule.
24 % der ausländischen und 34 % der deutschen wechseln auf die Realschule und 18,6 % der ausländischen und 42,6 % der deutschen auf das Gymnasium.
Durch die Verschärfung der sozialen Auslese liegt inzwischen der Anteil der Migrantenkinder an den Hauptschulen und Sonderschulen bei über 60 %. Diese beiden Schularten sind die Schulen der Migrantenkinder und der sozioökonomisch benachteiligten deutschen Kinder geworden.
Ein System, dass so rigoros Kinder nach sozialer Herkunft in den für ihre Sozialisation prägenden Jahren zwischen 10 und 16 Jahren trennt, befördert die Bildung von Parallelgesellschaften. Dies betrifft in besonderer Weise die Ballungszentren in Baden-Württemberg, wo in vielen Klassen der größte Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund, nämlich die türkischen Schülerinnen und Schüler, unter sich bleiben und zu wenig Integrationsanreize durch eine größere Vielfalt unter ihren Mitschülerinnen und Schülern vorfinden.
4. Ausländisch und ohne Schulabschluss
Zwar liegt die Quote der Schulabgänger aus den allgemein bildenden Schulen ohne Hauptschulabschluss inzwischen bei 5,9 % in Baden-Württemberg. Der Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss war bei den ausländischen Schülerinnen und Schülern allerdings mehr als dreimal so hoch wie bei den deutschen. Ganz besonders betroffen sind dabei ausländische Jungen, die ohnehin die größte Risikogruppe unter den Schülerinnen und Schülern bilden.
5. Trotz Durchlässigkeit und Anschlussfähigkeit – Chancengerechtigkeit wird auch an den Beruflichen Schulen nicht erreicht
Die Verteilung der ausländischen Schülerinnen und Schüler innerhalb des beruflichen Schulsystems zeigt, dass auch im beruflichen Schulwesen die Chancen ungleich verteilt sind. Der Anteil der ausländischen Schüler im beruflichen Schulwesen beträgt im Durchschnitt 11,2 %. Im Berufsvorbereitungsjahr in dem vor allem SchülerInnen ohne Hauptschulabschluss und ohne Ausbildungsplatz lernen, finden sich 34,3 %. Der Anteil von 18 % in den Berufsfachschulen spricht dafür, dass viele diese Chance, so noch einen mittleren Bildungsabschluss zu erwerben, nutzen. An den beruflichen Gymnasien sind es jedoch nur 6,9 %, dies ist Beleg dafür, dass die fehlenden Aufstiegschancen zu einem Hochschulzugang im beruflichen System für die Migranten nicht ausgeglichen werden.
III. Chancen für Menschen mit Migrationshintergrund sind Chancen für Baden-Württemberg - Elf Forderungen der Fraktion Grüne
1. Neues Leitbild – Wertschätzung für Vielfalt
Wir brauchen ein neues Leitbild für das Bildungswesen in Baden-Württemberg, das Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Schülerinnen und Schüler als Chance wahrnimmt und Teilhabegerechtigkeit und Chancengleichheit zum Ziel hat. Individuelle Förderung steht im Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit, die orientiert ist an den Stärken der Schülerinnen und Schüler. Ausgehend von den unterschiedlichen Lernausgangslagen, die systematisch erhoben werden, sollen alle Kinder und Jugendliche zu optimalen Leistungen gebracht werden. Leistungsrückmeldungen sollen vor allem den individuellen Lernfortschritt jeder Schülerin und jedes Schülers dokumentieren.
2. Integration als Kernaufgabe des Kindergartens
Sprachförderung kann nicht erst nachgeholt werden, wenn Defizite erkannt wurden. Wir brauchen ein ganzheitliches Sprachförderkonzept, das im Alltag der Kindertageseinrichtungen ab dem ersten Kindergartentag integriert ist und die erstaunlichen Fähigkeiten der Kinder zum Sprachenlernen nutzt. ErzieherInnen müssen dazu qualifiziert werden, intensive Sprachförderung im täglichen Ablauf einer Einrichtung zu praktizieren. Dazu brauchen wir in erster Linie kleinere Gruppengrößen und systematische Fortbildungsangebote für die Erzieherinnen. Das Konzept "Schulreifes Kind", das auf separate Förderstunden setzt, ist dazu der falsche Ansatz.
3. Im Team unterrichten – Schulassistenten und "muttersprachliche Tandemlehrer"
Für die individuelle Förderung in den Grundschulen sind zusätzliche Lehrkräfte in der Klasse nötig. Deshalb dürfen die Lehrerstellen nicht aus der Grundschule abgezogen werden. Wir brauchen auch Schulassistenten in der Grundschule, damit dort bei Kindern mit großem Sprachförderbedarf Einzelförderung möglich wird.
Die vom italienischen und vom türkischen Generalkonsulat an einigen Modellschulen finanzierten und eingesetzten muttersprachlichen "Tandemlehrer" tragen mit großem Erfolg zur Sprachförderung von Migrantenkindern bei. Diese Lehrkräfte arbeiten im Team mit den Klassenlehrern, lösen Verständnisprobleme durch Einbeziehung der Muttersprache und unterstützen bei Problemen, die aus der Herkunftssprache resultieren. Tandemlehrkräfte müssen als Regelangebot in alle Grundschulen mit einem höheren Migrantenanteil einbezogen und vom Land finanziert werden. Dazu müssen die Lehrbeauftragtenmittel eingesetzt bzw. entsprechend erhöht werden.
Durch Tandemlehrkräfte können sowohl die Sprach- und Lesekompetenz in der deutschen Sprache, als auch in der Muttersprache gestärkt werden. Auch deutsche Kinder mit Sprachförderbedarf profitieren vom Teamunterricht durch Tandemlehrer.
4. Sonderpädagogen an allgemeine Schulen einsetzen
Um die Einweisung von Kindern mit Migrationshintergrund sowie von Kindern aus armen und benachteiligten deutschen Familien in die Sonderschulen für Lernbehinderte zu verhindern, müssen Sonderpädagogen an die allgemeinen Schulen, vor allem an die Grundschule, integriert werden. Sie können im Team mit den Fachlehrkräften ihre besonderen Diagnosefähigkeiten einbringen, individuelle Förderpläne gemeinsam mit den Fachlehrkräften entwickeln und umsetzen, Eltern und Lehrkräfte gezielt beraten, sowie Einzel- und Kleingruppenförderung gewährleisten.
5. Acht Jahre Sprachförderung
Mit einer einmaligen Sprachförderung im Kindergarten oder einer Vorbereitungs-klasse bzw. einem Förderkurs an der Schule ist es nicht getan. In Ländern wie Kanada und England werden Schülerinnen und Schüler wesentlich länger gefördert, weil erkannt wurde, dass Kinder nach einem halben Jahr Sprachförderung die Alltagssprache ordentlich verstehen und sprechen können, aber für eine Sprachkompetenz vergleichbar der der deutschen (Mittelschichts-)Kinder, bis zu acht Jahre erweiterte Sprachförderung notwendig sind. Damit Lehrkräfte diese pädagogische Aufgabe leisten können, brauchen sie eine systematische Qualifizierung, um "Deutsch als Zweitsprache" unterrichten zu können. Die erweiterte Sprachförderung muss über acht Jahre an allen Schularten zu verankert werden, auch an den Gymnasien.
Aufgrund des Fehlens eines solchen umfassenden Förderkonzepts hat das Land Italien über das italienische Generalkonsulat inzwischen begonnen, 1 Millionen Euro jährlich für entsprechende Angebote für italienische Schüler an den Schulen in Baden-Württemberg zu bezahlen. Somit übernimmt Italien eine originäre Aufgabe des Landes, damit die italienischen Schülerinnen und Schüler endlich bessere Bildungschancen in Baden-Württemberg bekommen.
6. Beitrag der Eltern nutzen
Die Eltern der Kinder mit Migrationshintergrund sind wesentlich stärker in die pädagogische Arbeit mit einzubeziehen. Dabei müssen die spezifischen Kompetenzen und Stärken dieser Eltern genutzt werden. Sie können als "Lotsen" für andere Eltern, eingesetzt werden, zum Vorlesen in der Muttersprache, als Fachleute für Projekte an der Schule, sowie als interkulturelle Beraterinnen und Berater. Wenn Eltern erfahren, dass ihre Fähigkeiten und Kenntnisse wertgeschätzt und sie gebraucht werden, sind sie andererseits auch leichter dafür zu gewinnen, ihre Kinder zu ermutigen und zu unterstützen und sich dazu auch selbst in Kursen weiterzuqualifizieren. Begonnen werden muss mit dieser Elternarbeit in den Kindergärten und dann muss erreicht werden, dass die Eltern bei der Einschulung ihrer Kinder sofort in gleicher Weise wieder eingebunden werden. Ein Beispiel dafür sind die Early Excellence Center in England, die als kommunale Zentren eine hervorragende Einbindung der Eltern in Krippen, Kindergärten und Grundschulen gewährleisten.
7. Lehrkräfte lernen Integration
Integration kann nur zu einer Kernaufgabe von Kindergarten und Schule werden, wenn die Lehrkräfte entsprechend qualifiziert sind. In der Ausbildung aller Lehrämter müssen Deutsch als Zweitsprache und interkulturelle Bildung zu verpflichtenden Modulen werden. Berufsbegleitend müssen dazu auch Erweiterungsstudiengänge angeboten werden, sowie regionale Fortbildungen. Künftig muss es eine ausreichende Zahl von Lehrkräften geben, die auf Sprachprobleme der Migrantenkinder spezialisiert sind, die aus unterschiedlichen Herkunftssprachen resultieren. Über ihre unterrichtliche Tätigkeit hinaus können sie als Berater und Multiplikatoren für andere Lehrkräfte eingesetzt werden.
8. Lehrer mit Migrationshintergrund
Wir brauchen eine groß angelegte Kampagne, mit der junge Menschen mit Migrationshintergrund für ein Lehramtsstudium gewonnen werden. Dazu ist sowohl eine Werbekampagne an den Schulen und Hochschulen und in der Öffentlichkeit notwendig, als auch ein Stipendienprogramm für Quereinsteiger. Es gibt eine nicht zu unterschätzende Anzahl von ausgebildeten Lehrkräften mit Examen im Heimatland, die hier in anderen Bereichen beruflich tätig sind, weil ihr Examen nicht anerkannt wird.
Aus Ländern wie Kanada, England, aber auch Schweden wissen wir, wie wichtig Lehrerinnen und Lehrer mit Migrationshintergrund in einer Einwanderungs-gesellschaft sind. Sie sind überzeugende Vorbilder für den Lernerfolg von Migranten für die Kinder und Jugendlichen, sie können als Experten für den kulturellen und sprachlichen Hintergrund der Schülerinnen und Schülern bei Konflikten und Problemen wertvolle Unterstützung leisten und schlichten helfen und sie fördern die Integration der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund in das Wertesystem unserer Gesellschaft. Und schließlich können sie auch einen Beitrag für die Wertschätzung der Muttersprache und deren Vermittelung im Rahmen der allgemeinen Schule leisten.
9. Für ein integratives Schulsystem
Die Überwindung des dreigliedrigen Schulsystems, in dem Kinder mit Migrationshintergrund vor allen an Hauptschulen und Sonderschulen zugewiesen werden, ist auch wichtig als Beitrag zur Integration. Gerade die Kinder mit Migrationshintergrund profitieren von längerem gemeinsamen Lernen und individueller Förderung, ebenso wie vom Ausbau von Ganztagsschule, weil sie sozial besser integriert werden können, eine anspruchsvollere Lernumgebung bekommen und individueller gefördert werden können.
Ein erster Schritt zu mehr Integration im Schulwesen ist die Aufhebung der Grundschulempfehlung, weil dadurch der Druck und der Stress aus der Grundschule herausgenommen wird und nicht mehr Zehntelnoten über die schulische Zukunft der Kinder entscheiden. Indem künftig aufgrund der Empfehlung der Grundschule die Eltern die letzte Entscheidung treffen können, ist es möglich, neue Leistungs-rückmeldungen in der Grundschule mit individueller Dokumentation des Lernerfolgs einzuführen und auf Ziffernnoten mit ihrem selektiven Charakter zu verzichten.
10. Integration ist mehr als Sprachförderung – vielfältige anspruchsvolle Bildungsangebote für Migrantenkinder notwendig
Die schulische Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund muss mehr leisten als reine Sprachförderung. Dies ist ein Widerspruch zur Auffassung vieler Wissenschaftler, für die allein das Beherrschen der deutschen Sprache der Schlüssel zum Lernerfolg ist. Migrantenkinder sollen über die Sprachförderung hinaus einem geistig anregenden Klima ausgesetzt werden. Notwendig sind stimulierende Lernumgebungen, etwa Schulklassen, in denen nicht nur leistungsschwache Kinder sitzen und ein anregender Unterricht – mit Mathematik, Naturwissenschaften und kulturellen Angeboten, etwa Instrumentalunterricht und Schultheater, die geistig fordern und die Gesamtpersönlichkeit der Kinder stärken.
11. Muttersprachen ins Regelangebot der Schule integrieren
Mit einem neuen Leitbild im Bildungswesen, das auf der Wertschätzung der Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Schülerinnen und Schülern basiert, muss auch die systematische Verdrängung der Muttersprachen der Schülerinnen und Schülern aus dem Regelunterricht beendet werden. Die Sprachen der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund müssen schrittweise in das Angebot der Schulen übernommen werden und bedarfsorientiert, etwa im Rahmen der Ganztagsschule, in das schulische Angebot übernommen werden. Die Angebote sollen dabei allen interessierten Schülerinnen und Schülern, auch ohne Migrationshintergrund, offenstehen, wie das bereits vom italienischen Generalkonsulat praktiziert wird.
Fazit
Die seit vielen Jahren öffentlich kritisierte Bildungsbenachteiligung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund darf in Baden-Württemberg nicht mehr länger mit Jubelarien über das positive Abschneiden unseres Bundeslandes im nationalen Maßstab verdeckt werden. Die heutige Generation von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund darf nicht um ihre Bildungschancen betrogen werden. Verbündete für eine bessere Bildung für Schülerinnen und Schüler gibt es genug, nicht zuletzt unter den Migrationsverbänden selbst. So hat die Türkische Gemeinde Deutschlands zu einer Bildungskampagne für eine bessere Bildung der türkischen Schülerinnen und Schüler aufgerufen. Vor allem das italienische Generalkonsulat in Stuttgart engagiert sich in hervorragender Weise für die Integration der Migranten durch Bildung. Die Analyse des italienischen Generalkonsuls, Herr Salvadori, trifft das Problem im Kern:
"Der selektive Charakter des deutschen Schulsystems ist eine Art Diskriminierung auf institutioneller Ebene, da es nicht ausreichend Rücksicht auf die besonderen Bedürfnisse ausländischer Schüler nimmt und vor allem nicht auf ihre benachteiligte Ausgangssituation. (…) Das aktuelle Schulsystem riskiert es daher, seiner grundlegenden institutionellen Aufgabe nicht gerecht zu werden, während zahlreiche ausländische Jugendliche, die wenig qualifiziert oder arbeitslos sind, Gefahr laufen, auf lange Sicht zu einer großen Last der örtlichen Gesellschaft zu werden." (Stat. Monatsheft Baden-Württemberg 10/2007)
Mit dieser Großen Anfrage der Fraktion GRÜNE im Landtag von Baden-Württemberg wollen wir erreichen, dass endlich Bewegung in den Stillstand bei der Verbesserung der Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund kommt.
Kanada: Weltmeister der Integration
Wenige Länder der Welt kümmern sich so intensiv um die Bedürfnisse ihrer Migranten wie Kanada, vor allem im Bereich der Bildung. Das hat der Schulauschuss des Landtags von Baden-Württemberg bereits bei seiner Ausschussreise im Jahr 2004 in Toronto und Quebec festgestellt.
Jetzt hat die renommierte Bertelsmann-Stiftung sich weltweit umgeschaut und den Weltmeister der Chancengleichheit gesucht. In diesem Jahr hat die Schulbehörde in Toronto den Bertelsmann-Preis "Integration braucht faire Bildungschancen" erhalten. Bereits im Leitbild des kanadischen Bildungswesens ist Chancengerechtigkeit fest verankert." Wir feiern unsere Unterschiedlichkeit" heißt es an allen Schulen. Jedem Kind wird etwas zugetraut und individuell an seinen Stärken angesetzt. Dabei wird auch die Muttersprache als Sprachschatz der Migranten gefördert. Kinder sollen im Unterricht auch gelegentlich Hindi oder Chinesisch zu sprechen, auch Kinderbücher gibt es in der Muttersprache. Eltern werden als wichtige"Unterstützer für die Lernentwicklung ihrer Kinder bewertet und an den Schulen als "Lernlotsen" eingebunden. Kinder, Eltern und Lehrer sollen sich an den Schulen wohl fühlen. Mit großen Kampagnen sind Lehrkräfte mit Migrationshintergrund angeworben und qualifiziert worden, denn wenn Kinder und Eltern Ansprechpartner aus ihrer eigenen Kultur haben, fällt ihnen das leichter. In allen Schulen hängen Bilder kanadischer Sportler, Wissenschaftler, und Minister mit Migrationshintergrund, um den Schülern zu zeigen "Du kannst es, wenn Du willst und Dich anstrengst". Zwei Stunden sind täglich für die Basiskompetenz "Lesen" reserviert. Wer einen großen Förderbedarf hat, bekommt Einzelunterricht, wenn nötig ein halbes Jahr lang. Viel Geld fließt für Sozialarbeiter und in Modellschulen in den Armenvierteln Torontos. Die Elternarbeit wird insbesondere dort großgeschrieben. Ausgesondert wird niemand. Das gemeinsame Lernen aller Schülerinnen und Schüler geht bis zum High Abschluss mit 16 Jahren.
www.bertelsmann-stiftung.de
Vorbildliche Förderung von Migranten in London
Eine vergleichbare Wertschätzung für Vielfalt hat der Schulausschuss des Landtags auch in diesem Frühjahr an der South Camden Community School, eine modernen Comprehensive School, in Londen erlebt. Schüler und Lehrer sind stolz auf ihre Erfolge an dieser von rund 90 % Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund besuchten Gesamtschule. Auch dort gibt es qualifizierte Integrationslehrkräfte für die integrative Sprachförderung von Migranten im Regelunterricht, wobei auch hier im Team mit mehreren Lehrkräften in einer Klasse unterrichtet wird.